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Fachkräfte früh entdecken

18. Februar 2020, 08eins

Anna Walser (2020): Fachkräfte früh erkennen, in: Bildung Schweiz, Ed. 2/2020 [Link].

An der MINT-Academy vertiefen Primarschulkinder ihre Kenntnisse in den MINT-Fächern. Das Angebot zieht Kinder aus dem ganzen Kanton Graubünden an ihren freien Mittwochnachmittagen nach Chur.

 

Im grössten Einkaufszentrum Graubündens finden sich Schülerinnen und Schüler am Mittwochnachmittag nicht nur zum Shopping ein. Gegenüber vom Coop, gleich beim Eingang zum Parkhaus, befinden sich nämlich die Büroräumlichkeiten von 08EINS. Dort finden wöchentlich Kurse der MINT-Academy für Neun- bis Zwölfjährige statt. Das Beratungsunternehmen 08EINS fokussiert auf Organisationsentwicklung. Gemeinsam mit der Hamilton Bonaduz AG und der Fachhochschule Graubünden betreibt das Unternehmen die MINT-Academy. Diese ist ein freiwilliges Angebot, das Primarschülerinnen und          -schüler neben der Schule besuchen können. Dabei soll es überhaupt nicht mit dem, was die Kinder in der Schule lernen, konkurrieren, versichert Fabio Camichel. Es soll vielmehr ein zusätzliches Angebot für jene Schülerinnen und Schüler sein, die sich mit den MINT-Fächern vertieft auseinandersetzen wollen. «Wir picken uns immer etwas aus dem MINT-Topf heraus. Dabei gehen wir sehr schnell in die Tiefe und streifen nichts aus den Lehrmitteln, die Graubünden verwendet», präzisiert er. Fabio Camichel ist Mitgründer der MINT-Academy und zugleich der Kopf in einem Grossteil der Kurse.

 

Einmal iPads für alle!

Im MINT-Einstiegskurs, dessen Teilnahme Vorraussetzung für alle weiterführenden Kurse ist, lehrt Fabio Camichel die Basics in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. An diesem Nachmittag besucht die Klasse «Charlie» – es gibt auch noch die Klassen «Alice» und «Bob» – das Modul Informatik des Einstiegskurses. In diesen eineinhalb Stunden steigt die Gruppe in das Programmieren ein. Hierfür erhalten alle Kinder ein iPad, das bereits mit der notwendigen Software «Swift Playgrounds» ausgestattet ist. Bevor Camichel und die beiden Lernenden, die ihn während des Kurses unterstützen, die iPads verteilen, weist er die Kinder an, wie sie das iPad entsperren und die App öffnen können. Kaum ist er mit den Anweisungen fertig, packen die jungen Tüftlerinnen und Tüftler ihre iPads aus und legen los. Es scheint, als hätten sie die Anweisungen gar nicht gebraucht, viele kennen sich im Umgang mit dem Tablet sichtlich aus. Sobald sie die App geöffnet haben, stehen sie aber an. Nun warten sie auf weitere Anweisungen vom Kursleiter, der sogleich sein eigenes iPad zur Hand nimmt. Alles, was er auf seinem Gerät macht, können die Kinder auf zwei grossen Bildschirmen mitverfolgen.

Mit der App lernen die jungen MINT-Begeisterten das Programmieren und Experimentieren mit Codes kennen. Variablen und Funktionen sind hierfür wichtig. Camichel möchte von der Gruppe wissen, was es damit auf sich hat. Weil die Antworten nur zögerlich folgen, erklärt er der Gruppe, was die Begriffe bedeuten. Die Aufgabe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist es, die Spielfigur «Byte» nach vorn zu bewegen, damit diese einen Edelstein einsammelt. Hierfür müssen sie wissen, welche Befehle sie benötigen. Wie in der Programmiersprache üblich, sind diese auf Englisch, weshalb ihnen Camichel zunächst erklärt, was «moveForward», «turnLeft», «turnRight» und «collectGem» bedeutet. Aufgrund dieser Erläuterungen fällt es den Kindern leicht, Byte in Bewegung zu setzen. Nachdem sie dieses erste Level absolviert haben, wird es bereits schwieriger. Byte muss nun einen Schalter betätigen, um zum Edelstein zu kommen. Dafür ist der Code «toggleSwitch» nötig. Die jungen MINT-Tüftlerinnen und -Tüftler arbeiten sich konzentriert und motiviert durch die ersten Levels. Inzwischen sind 40 Minuten vergangen und die Kinder sollen sich nun in einer zehnminütigen Pause erholen. Camichel bittet alle, das iPad wegzulegen, auch wenn es ihnen schwerfalle.

 

Die Arbeit mit der App begeistert

Die Kinder kehren eingedeckt mit Süssigkeiten aus der Pause zurück. Nach einem kurzen Input von Fabio Camichel vertiefen sich alle wieder in die App Swift Playgrounds. Je nach Fach sei das Verhältnis zwischen Frontalunterricht und dem Selberausprobieren unterschiedlich. «Im Einführungskurs machen die Kinder vieles selber. In den weiterführenden Kursen wie zum Beispiel dem Coding ist das Verhältnis eher bei jeweils 50 Prozent. Beim algorithmischen Lernen müssen wir erfahrungsgemäss am Anfang die Grundlagen beibringen, damit die Kinder danach arbeiten können», erklärt Camichel.

 

Yago, einer der jungen Tüftler, findet die App «recht cool». «Ab und zu muss man nochmals überlegen, weil man etwas falsch gemacht hat», sagt er. Er nimmt an der MINT-Academy teil, weil er sich gerne mit Technologie auseinandersetzt. «Daheim bin ich zwar oft an Geräten, aber so etwas habe ich noch nie gemacht», erklärt er weiter. Xenia ist hier, weil ihre Mutter sie angemeldet hat. Diese war überzeugt, dass Xenia in der MINT-Academy gut aufgehoben sein würde. «Vor zwei Wochen habe ich eine neue Technik gelernt, wie man das grosse Einmaleins bis 19 schneller rechnen kann», berichtet sie begeistert über die Mathematik-Einführung. Auch den heutigen Nachmittag findet sie sehr spannend. Xenia ist eines von drei Mädchen, die sich in der Klasse «Charlie» befinden. Camichel bestätigt, dass der Anteil der Mädchen mit 20 Prozent noch klein ist und die Mädchen derzeit noch nicht speziell gefördert werden. «Unser Ziel ist es aber, dies zu ändern und eine Mädchenklasse zu bilden.» Bei 08EINS hätten sie nämlich die Erfahrung gemacht, dass wenn Mädchengruppen bei Schnuppertagen explizit ausgeschrieben werden, auch viele Anmeldungen reinkämen.

 

Nach eineinhalb Stunden haben die Kinder die Einführung in die Informatik abgeschlossen. Am darauffolgenden Nachmittag lernen sie die Naturwissenschaften kennen.

 

Fachkräfte im Kanton fördern

Auf der Website der MINT-Academy schreiben die Verantwortlichen, dass die MINT-Academy mit ihrem Angebot die Grundlage für konkurrenzfähige Fachkräfte schaffe. 2018 ist die MINT-Academy mit ihrer Pilotklasse gestartet. In dieser Klasse ist auch der Göttibub von Haempa Maissen. Der Inhaber von 08EINS kam seinetwegen auf die Idee, die MINT-Academy zu gründen. «Er wollte einen Sommer lang bei 08EINS schnuppern und das Coding kennenlernen. Ein solcher Kurs wäre aber für eine Person zu viel gewesen. Ich bin auf Fabio Camichel zugegangen und so haben wir die MINT-Academy aus dem Boden gestampft», so Maissen. Sein Ziel ist es, die Kinder im jungen Alter für die MINT-Fächer zu begeistern und mögliche künftige Fachkräfte früh kennenzulernen. Er bedauert, dass viele Fachkräfte aus dem Kanton nach Zürich und St. Gallen abwandern, wodurch Graubünden wiederum die Fachkräfte woanders rekrutieren muss. Wie Fabio Camichel erklärt, sind bei der Hamilton Bonaduz AG viele Angestellte nicht aus dem Bündnerland. Sie kommen aus der ganzen Welt. Die Integration von internationalen Familien sei hierbei ein Ziel, das sowohl der Medizintechnikhersteller wie auch die MINT-Academy verfolgen. «Wir möchten den Wert von Familie vermitteln, indem die Kinder regelmässig zu uns kommen», erklärt Camichel, der ursprünglich Wirtschaft und Recht studiert hat. Haempa Maissen ist gelernter Grafiker, der sich im Bereich der Betriebswirtschaftslehre weitergebildet hat. Er bedauert, dass seine Generation im MINT-Bereich noch nicht so weit sei. Als Inhaber von 08EINS habe er allerdings die Möglichkeit, sich immer selber weiterzubilden. Diese Gelegenheit möchte er künftig auch anderen Erwachsenen bieten.

 

Für die Kinder scheint das Angebot mit Erfolg angelaufen zu sein. Zumindest seien die Einführungskurse im ersten Jahr innert 48 Stunden ausgebucht gewesen, erzählt Fabio Camichel. Ob die Bindung der Kinder an die MINT-Academy gelingt, wird sich mit der Zeit zeigen.

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